Mafia II Omerta

Die römische Kirche ist eine Wahlmonarchie. Ihr König, der Papst, herrscht absolut; er gilt nicht nur in Fragen der Lehre als unfehlbar, sondern er sieht sich auch in der besonderen Gnade Gottes. Der Papst wird von etwa 120 Kardinälen gewählt, die wiederum von Päpsten ernannt werden.
Schon dieses System der Selbstrekrutierung verhindert tiefgreifende Reformen. Zudem findet der grassierende Vertrauensverlust vor dem Hintergrund einer immer stärkeren säkularen Bewegung in Deutschland statt.
Das Omerta-System hat so lange funktioniert, dass sich die, die es ausübten, bestätigt sahen. Dies ist jetzt vorbei, was viele Ursachen hat. Dazu gehört ein wirklicher Strukturwandel der Öffentlichkeit, der auch darin besteht, dass die Verbreitung jeder Art von Nachrichten nicht mehr durch Verdunkelung zu kontrollieren ist. Heute ist jeder Empfänger und jeder Sender. Auch das widerspricht einem Grundprinzip der katholischen Kirche, in der ein Priester stets Vorsteher, Interpret und Message Controller für die Gemeinde war.
Die katholische Kirche scheint in Deutschland durch ihre Kraft der Selbstdestruktion etwas zu schaffen, was in tausend Jahren deutsche Kaiser, Martin Luther, Bismarck und selbst die Nazis nicht geschafft haben: Sie schiebt sich durch ihren verheerenden Umgang mit dem Priester-Gewaltskandal allmählich aus der Gesellschaft hinaus.
Vieles spricht dafür, dass im Laufe der nächsten Jahrzehnte die katholische Kirche als Organisation in Deutschland jene Rolle verlieren wird, die sie seit Karl Großen mit unterschiedlicher Macht gespielt hat.

Ein ganz ähnliches System, wenn auch noch nicht Jahrtausende bestehend, betreibt die FIFA. In den vergangenen knapp 50 Jahren haben die beiden FIFA-Präsidenten João Havelange (1974–1998) und Joseph Blatter (1998–2015) die Kommerzialisierung des Weltfußballs skrupellos vorangetrieben. Sie haben aus dem Fußballverband eine Art Mafia gemacht – im Sinne einer Parallelgesellschaft mit hierarchischen Strukturen, einer eigenen Gerichtsbarkeit und spezifischen moralischen Vorstellungen. Über Jahrzehnte entschieden zwei Dutzend – zunehmend korrupte – Funktionäre, wo alle vier Jahre eines der weltweit größten und attraktivsten Sportereignisse stattfinden sollte, die Fußball-Weltmeisterschaft.
Die FIFA ist so mächtig geworden, dass sie von jedem Ausrichter für die Dauer des Turniers für sich und ihre Partner Steuerfreiheit verlangen kann, während das Gastgeberland die gewaltigen Kosten für die vom Fußballweltverband geforderte Infrastruktur übernehmen muss. Das hat teils fatale Folgen: So blieb Südafrika 2010 auf rund zwei Milliarden Euro Verlust sitzen, während die FIFA mehr als dieselbe Summe als Gewinn einstrich.
Weltmeisterschaften sind Zahltage für die FIFA. Und damit das so bleibt, ist eine störungsfreie Durchführung des Mega-Events erforderlich – fast um jeden Preis. Jérôme Valcke, bis 2016 Generalsekretär des Verbands, erklärte mit Blick auf die WM-Vergabe nach Russland, dass „manchmal weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser“ sei. In der FIFA-Logik durchaus verständlich, denn autoritäre Regime können für zwei Dinge garantieren: politische Durchsetzungskraft und hohe staatliche Investitionen. Das heißt, Länder wie Russland und Katar bekommen nicht den Zuschlag trotz demokratischer Defizite – sondern wegen dieser. Daran wird sich nichts ändern, solange die FIFA nicht von Grund auf reformiert wird. Ob sie das aus eigener Kraft schafft, darf bezweifelt werden.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Omert%C3%A0
SZ vom 25.1.22: Da könnt ihr lange warten
https://de.wikipedia.org/wiki/Korruption_in_der_FIFA#:~:text=Der%20von%201974%20bis%201998,von%205%20Millionen%20Franken%20eingestellt.
https://www.spiegel.de/sport/fussball/fifa-boss-gianni-infantino-strafverfahren-gegen-den-praesidenten-eroeffnet-a-07543dd5-c13d-47ab-9cc5-e13abcd92fd7
https://www.fan-ini.de/blog/wp-content/uploads/2021/06/Katar_Broschuere_310521.pdf

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Stand: 07.02.22